Einmaligkeit in Nürnberg

Die Kleeblatt Anekdoten

Abseits des Rasens
Donnerstag, 26.03.2020 // 08:11 Uhr

Geschichte lebt davon, erzählt zu werden. In einer Zeit in der der Ball beim Kleeblatt ruht, wollen wir den Blick auf einige außergewöhnliche Kapitel der Vereinsgeschichte werfen. Historische Erfolge, einzigartige Begegnungen und stille Helden leben in den Kleeblatt Anekdoten ein weiters Mal auf.

In der fünften Anekdote der 17-teiligen Serie ruht die Rivalität für einen Tag. 

Schon im Vorfeld der Meisterschaft 1929 hatte der DFB das Nürnberger Stadion als Endspiel-Ort vorgesehen. Der Club, damals eigentlich in seinem „Zabo“ beheimatet, hätte also zumindest einen halben Heimvorteil gehabt, hätte er das Endspiel erreicht. Doch Hertha BSC hatte die Nürnberger in einem überhart geführten Halbfinal-Wiederholungsspiel in Düsseldorf eliminiert. Dies und die Tatsache, dass die Berliner plötzlich gegen den Endspielort protestierten, da sie nun einen zu großen Vorteil ihres Fürther Gegners sahen, führte nicht gerade zu ihrer Beliebtheit beim Nürnberger Publikum.

Die Club-Anhänger beschlossen also erstaunlicherweise, sich auf die Fürther Seite zu stellen. Die Spielvereinigung begann überlegen, berannte mit zunächst schönem Kombinationsfußball das Berliner Tor. In der 14. Minute köpfte Karl Auer zum 1:0 ein. Auf dem Platz entwickelten sich im Laufe der ersten Hälfte allerdings wilde Jagdszenen, die der überforderte Schiedsrichter Peco Bauwens, später Präsident des DFB, nicht konsequent unterbrach. Besonders hervor taten sich Fürths „Urbel“ Krauß und Berlins Domscheidt. Berlin erzielte in der 40. Minute durch einen Kopfball von Hanne Sobeck den Ausgleich - aus stark abseitsverdächtiger Position.

Das erste deutsche Team, dem dies gelungen war. Und Sekunden nach dem Abpfiff stürmten die ersten Reihen des ausverkauften Stadions den Platz. Hagen, das gab er später in einem Interview zu, sah sein letztes Stündchen geschlagen. Er erwartete, dass die stolzen katalanischen Fans ihn und seine Fürther Kameraden ob der Respektlosigkeit, das große Barca zu besiegen, in den Boden stampfen würden. Schon wollte sich Hagen den anstürmenden Massen stellen, da packten ihn einige kräftige Hände – und hoben ihn hoch. Es war die pure Begeisterung der Katalanen angesichts der wunderbaren Leistung der Fürther: Sie trugen die deutschen Gäste auf den Schultern vom Platz. Es war wohl die größte Anerkennung für die beste Fußballmannschaft, die die Spielvereinigung in ihrer Geschichte jemals hatte.

Im Hexenkessel des überfüllten Stadions wurde auch nach dem Wechsel mehr getreten als gespielt. Die entscheidende Szene zugunsten der SpVgg war kein gelungener Spielzug, sondern eine schwere Gesichts-Verletzung von Berlins Schulz nach Zusammenprall mit Leinberger. Auswechseln war nicht erlaubt, Hertha spielte mit zehn Mann weiter. Georg „Allan“ Frank beendete ein Solo in der 65. Minute mit dem 2:1. Dann musste Hans Hagen zehn Minuten lang behandelt werden, Berlin nutzte während des zwischenzeitlichen personellen Gleichstandes einen Fehler von Fürths Keeper Neger durch Sobecks Kopfball zum 2:2. Doch der unverwüstliche Hagen humpelte auf den Platz zurück. Karl Rupprechts platzierter Schuss schlug in der 85. Minute zum 3:2 ein. Fast 50 000 konterten das „Ha-ho-he - Hertha BSC“ der Berliner Anhänger mit einem hämischen „Ha-he-ho - Hertha ist k.o.“. Die letzten Minuten brachten die Fürther dann ohne Probleme über die Runden und feierten ihren dritten Titel. Auf den Rängen jubelten die Nürnberger zusammen mit den Fürther Siegern – eine historische Einmaligkeit, die sich nie mehr wiederholen sollte.